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Besprechung
9.2017


Claudia Jolles :  Die Bilder des jungen Fotografen Igor Elukov zeigen wenig und erzählen viel: Der auf einer verschneiten Ebene liegende Kopf eines Rentiers, eine windschiefe Hütte, ein toter Fisch, ein windzerzaustes Pferd, ein vermummter Jäger sind Teil einer arktischen Szenerie, die so real wie mysteriös erscheint.


Winterthur : Igor Elukov - Was ist Schnee? Was ist Wind? Was ist Licht?


  
links: Igor Elukov · Pferde, die im Freien überwintern. Region Achangelsk, Bytsche, März 2013
rechts: Igor Elukov · Zerfallene Schule einer verlassenen Stadt bei Workuta, Januar 2016; oben und unten: Schwarzweiss Fine Art Prints, 50x40 cm, Druck: Bilderbub Zürich


Auf der hellen Aufnahme ist kaum etwas zu erkennen. Nur vage zeichnen sich die Konturen einer endlos weiten Landschaft ab. Durchschnitten wird sie von einer gekrümmten Linie. Dort, wo sie auf den Horizont trifft, steigt eine Rauchwolke empor. Eine Dampflokomotive? Nein, ein Atomreaktor. Igor Elukov (*1991, Kirov) hat seine Schwarz-Weiss-Fotografien mehrheitlich im familiären Umfeld im nordwestrussischen Archangelsk geschossen und lässt in den Bildern unterschiedliche Realitäten aufeinanderprallen. Die analogen Single-shot-Aufnahmen sind so grobkörnig wie präzis, führen vom Persönlichen zum Allgemeinen: «Alle Fotos sind Teil einer einzigen grossen Geschichte, in der ich versuche, das Leben im Norden zu verstehen, den Geist und den Genius dieses Orts zu ergründen. Ich fotografiere mein Leben, ich habe den Fisch gefangen und ihn ausgenommen, ich habe den Vogel gepackt, ich bin mit auf die Jagd gegangen. Ich wählte keinen spe­ziellen Ort aus, um das Tier hinzulegen. Eine Wanne mit Löchern für den Fisch, damit das Wasser ablaufen kann; einen Korb für den Vogel, den einzigen, den wir hatten.»
Das Leben ist karg in dieser Gegend. Bei minus 50 Grad Celsius pirschen die Männer ­tage- und wochenlang durch die Wälder, um dann vom Verkauf ihrer Beute einige Monate leben zu können. «Beim Fotografieren fühlte ich, dass die Leute aus meinem Dorf schon während vieler Jahrhunderte diese Wege gegangen sind. Und ich fotografiere diese Menschen, nicht einen konkreten Menschen.» Die Einheimischen nehmen sich von der Natur nur, was sie brauchen - und können doch die Jagdlizenzen dafür nicht bezahlen. Zerfallene Gebäude in Workuta, einer Stadt nördlich des Polarkreises, in der sich bis um 1960 ein Arbeitslager für Kriegsflüchtlinge und politische Häftlinge befand, wirken wie ein im Eis erstarrtes Monument der Sowjetmacht; einer Bürokratie, die von den Moskauer Amtsstuben bis in die entlegensten Gebiete ausgreift.
Elukov drückt den Auslöser hochkonzentriert wie ein Jäger. Gleichzeitig stellt er Fragen: «Was ist Schnee? Was ist Wind? Was ist Licht? Was empfinde ich in diesem Augenblick? Ich war noch nie hier. Ich habe nie gesehen, wie die Sonne aufgeht. Ich habe die Kälte nicht gefühlt. Jeden Abend sterbe ich. Ich vergesse alles. Jeder Morgen ist wie eine Auferstehung. Ich gehe nach draussen und frage mich: Was kommt auf mich zu? Ein Pferd? Was ist ein Pferd?» Es sind Fragen zum Leben, zum Tod und zur Kraft der Leere. Fragen, die nicht nur ihn an- und weitertreiben.

Bis: 30.09.2017



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Ausgabe 9  2017
Ausstellungen Igor Elukov [23.06.17-30.09.17]
Institutionen COALMINE Forum für Dokumentarfotografie [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Igor Elukov
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