Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
9.2017


Meredith Stadler :  Im Luma Westbau des Löwenbräuareals ist die Gruppenschau ‹Americans 2017› zu sehen. Simon Castets und Hans Ulrich ­Obrist stellen Kunstschaffende mit Jahrgang 1989 und jünger vor, die sich mit den Einflüssen rechnergestützter Prozesse auf die Gemeinschaft auseinandersetzen.


Zürich : Americans 2017 - Bürgerschaft 2.0


  
Jessika Khazrik · Two Barrels Kissing Until Their Water Meets, 2013, Installationsansicht, Luma Westbau, Zürich. Foto: Stefan Altenburger


Aus den Staaten stammt von den 19 Künstlern und Künstlerinnen - anders als der Titel suggeriert - nur die Minderheit. Dies ist ein Statement der Kuratoren, um «das Konzept der (Staats-)Bürgerschaft angesichts seiner Brechung durch digitale Praktiken neu zu überdenken». Titel wie Ausstellungsformat beziehen sich auf die einst von Dorothy Miller konzipierte Reihe ‹Americans› im MoMA. Dem Vorbild entsprechend hat in Zürich jede und jeder Kunstschaffende eine Einzelbox erhalten. Das Format ist passend, sind Digital Natives den individualistischen Zugang ins World Wide Web über eine leuchtende «Box» ja gewohnt. Im Dunkeln bleibt, wo die Daten gespeichert werden. Castets und Obrist verweisen auf das Projekt ‹Citizen Ex› von James Bridle, das zeigt, wie selten der Ort der virtuellen Persona mit demjenigen der Person übereinstimmt. Mir rechnet die ‹Algorithmic Citizenship› gerade 2,04 Prozent Schweizertum an. So gesehen sind die jungen Kunstschaffenden im Westbau eben doch - «Americans».
Jegliche Bürgerschaft ist mit Rechten und Pflichten verbunden. Dass es im virtuellen Raum wenig Verbindlichkeiten gibt, ja, bestehende Rechte und Pflichten ausgehöhlt werden, ist bekannt. Bei Jasper Spicero (*1990) schmelzen natürliche Personen gleich zu einem Fluidum, das von Wunschbrunnen in Form modularer Plastikboxen gefasst wird. Der Horizont, an den sich Wünsche richten, fehlt auch Walter Prices (*1989) Malereien. Sie zeigen nicht möblierte Interieurs, sondern Spaces, die vom Sofa aus zugänglich sind. Gleich ein Kabinett solcher Spaces hat Jessika Khazrik (*1991) eingerichtet. Schwebende Bildtafeln, eine Holografie oder zwei einander zugeneigte Wassertonnen verflechten verschiedene Räumlichkeiten derart dicht, dass sich die Frage stellt, ob Sprechen noch mehr als elektronisches Stottern sein kann: ‹Only Distance has a name.› Bunny Rogers (*1990) formuliert eine negative Antwort. Ihre ‹eraser› betitelten Putzgeräte haben es auf «Heirloom», «Memento» oder «Things Past» abgesehen - Konzepte, die an Sprache gebunden sind. Ein Video von Shen Xin (*1990), das Vorleseautomaten aus Internetforen rezitieren lässt, wiederholt das In-die-Leere-Sprechen bildlich. Schmerzhaft wird das Sprechen ohne Gegenüber spätestens mit Aslan Gaisumovs (*1991) ‹People of No Consequence›: Wenn das Echo der Vergangenheit im gegenwärtigen Diskurs stumm verhallt. Die Bürgerin und der Bürger 2.0 sehen sich mit einer umfassenden Neukonfiguration der eigenen Stimme konfrontiert.

Bis: 03.09.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2017
Ausstellungen 89Plus: Americans 2017 [19.05.17-03.09.17]
Institutionen Luma/Westbau [Zürich/Schweiz]
Autor/in Meredith Stadler
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170819142546WCO-16
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.