Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
9.2017


Dominique von Burg :  Die retrospektiv angelegte Ausstellung lässt das fast fünfzigjährige Schaffen von Jürg Stäuble Revue passieren. Die facettenreichen Werke sind auf dem Humus von Land Art, Minimalismus und Konzeptkunst gewachsen. Gleichzeitig unterwandert der Künstler jede Erwartung mithilfe kalkulierter Irritationen.


Zürich : Jürg Stäuble - Mehr sein als System


  
Jürg Stäuble · Mehr sein als System, 2017, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, Zürich. Foto: Stefan Altenburger


Wellenförmige Säulen versetzen den Saal im dritten Obergeschoss des Haus Konstruktiv scheinbar ins Wanken. An ihrer Seite erinnern zwei Bodenarbeiten aus schwarz glänzenden, aneinanderstossenden Kreisflächen aus MDF an kleine, dunkle Weiher. Eine Art grauer, am Boden kriechender Tatzelwurm aus Karton überrascht das Publikum, während lilafarbene wolkenähnliche Gebilde oder eine an der Wand hängende Schlaufe für eine poetische Note sorgen.
Jürg Stäuble (*1948, Wohlen) verfolgte nie den Ansatz eines streng konstruktiv arbeitenden Künstlers. Anfänglich, in den frühen Siebzigerjahren, zeichnete er Landschaftsbilder nach minimalistischen Kriterien und gestaltete in konkret-plastischer Manier einfache Abfolgen wie Faltungen, Biegungen, Drehungen und Schichtungen. Diese anfängliche Strenge brach Stäuble ab 1978 mit Arbeiten und Installationen mit Spiegeln, Seifen und Make-up auf. Obowohl er 1983 mit postminimalistischen Werken zu einer rigoroseren Formensprache zurückkehrte, behielten seine Arbeiten das sinnliche Moment. Dies bezeugen sowohl die geschnittenen Eisenbleche mit splittrigen, erodiert wirkenden Rändern wie auch die schwarzen, kompakten Kegel mit elliptischer Grundfläche. Die zugrundeliegenden geometrischen Strukturen sind wohl erkennbar, dennoch drängt die sinnliche Anmutung der Objekte das Konstruktive in den Hintergrund. Auch bei den Arbeiten aus Styrofoam, Styropor und Jackodur springt die Diskrepanz zwischen Schein und Sein ins Auge. Das industriell produzierte, sperrige Material bringt Stäuble in biegsam wirkende Formen, indem er die zerbrechlichen Teilstücke wie Legosteine zusammenfügt und sie teilweise zu grösseren Konstellationen, zuweilen in zoomorph anmutenden Formen verleimt.
In seiner prozessualen, tüftelnden Arbeitsweise reizt Stäuble den Punkt aus, an dem ein Regelwerk nicht mehr zu bändigen ist und ausbricht, sobald es nicht mehr den selbst gesetzten Regeln folgt. Der Basler Künstler spielt auf traditionelle, ideologische oder soziopolitische Normen an. Ihnen begegnet er mit Abweichung, Vielgestaltigkeit und Wandlung. Dabei sucht Stäuble weder den Kompromiss noch eine Synthese; vielmehr oszillieren seine Arbeiten zwischen Systematik und offenen Formen von Intuition, Spontaneität und Sinnlichkeit. In diesem latenten Vorstellungsraum entfalten sich das Potenzial und die Kraft seiner Werke.

Bis: 03.09.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 9  2017
Ausstellungen Jürg Stäuble [01.06.17-03.09.17]
Video Video
Institutionen Museum Haus Konstruktiv [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Jürg Stäuble
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170819142546WCO-17
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.