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9.2017




Digitale Kunst/Benjamin Grosser - Go Rando, 2017


von: Raffael Dörig

  
Benjamin Grosser · Go Rando, 2017, Screenshot


Curator's Choice - «What's on your mind?» fragt mich Facebook stets zuoberst, um mich zu motivieren, einen neuen Beitrag («Status update») zu veröffentlichen. Viel direkter als die harmlosere deutsche Version «Was machst Du gerade?» lässt sich das als Absichtserklärung deuten, Einblick in den «mind», eben die Seele, den Verstand, die Gedanken - den Kopf der User zu erhalten.
Auf der individuellen Ebene geht es dabei um das Erstellen von feinen Profilen, nach denen Werbung zugeschnitten wird - die Haupt-Einnahmequelle von Facebook. Bei 2 Milliarden Nutzern hat Facebook aber insbesondere auch einen ziemlich guten Einblick in den kollektiven «mind» aller User oder von Gruppen, Ländern etc. und weiss dies zu nutzen. Der gigantische, dynamische Korpus an Informationen bietet Material zur Analyse und beispielsweise zum Training der hauseigenen künstlichen Intelligenz-Projekte.
Der amerikanische Künstler Benjamin Grosser hat sich bereits in mehreren Arbeiten mit Facebook und unseren Nutzungsgewohnheiten beschäftigt. So ermöglicht sein ‹Textbook› Browser Plug-In, Facebook ganz ohne Bilder zu konsumieren, wodurch unsere Aufmerksamkeit auf andere Inhalte fällt. Sein ‹Facebook Demetricator› entfernt sämtliche Zahlen (auf Facebook ist alles quantifiziert: wie viele Neuigkeiten, wie viele Likes, wie viele Freunde) und lässt uns erkennen, wie diese Zahlen unsere Aufmerksamkeit beeinflussen und fesseln. Mit seinem neusten Projekt ‹Go Rando› widmet er sich einem relativen neuen Feature von Facebook, nämlich der Möglichkeit, statt mit einem simplen Like mit einer Emotion auf einen Beitrag eines anderen Users zu reagieren. Als Benutzer ermöglicht uns dies eine verfeinerte Kommunikation. Die Firma Facebook bekommt im Gegenzug verwertbare Informationen, quantifizierbare Emotionen. Benjamin Grosser regt uns dazu an, hier doch etwas weniger Informationen zu liefern. Wenn wir ‹Go Rando› installieren, werden die Emotions-Reaktionen von Lieben bis Ärger zufällig verteilt. Unser emotionales Profil wird mit der Zeit schön ausgeglichen, keine Tendenz ablesbar. Als Nebeneffekt lohnt sich ‹Go Rando› auch, um seine Facebook-Freunde zu verwirren (keine Angst, man kann Ausnahmen machen, wenn man vermeiden will, auf Geburtsanzeigen mit einem weinenden Emoji zu reagieren).
Letztlich geht es dabei um die Frage, bis zu welchem Grad wir zulassen, dass unsere Emotionen und unser «mind» zu Ware wird.
Vorgeschlagen von: Raffael Dörig



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Ausgabe 9  2017
Autor/in Raffael Dörig
Link http://bengrosser.com/projects/go-rando/
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