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Hinweis
9.2017




Baden : Raumfahrt


von: Fritz Balthaus

  
links: Jonas Burkhalter · fly me to the moon, 2017, Chromstahlstangen, Neonröhren, Sprayfarbe auf Papier, Masse variabel
rechts: Bettina Diel · Grinding souvenir 1, 2017, geschliffene Kieselsteine, Masse variabel


Noch zu Beginn ihrer Sammlungstätigkeit hatte das Erbauer-Ehepaar des heutigen Museums Langmatt, Sidney William Brown und Jenny Brown-Sulzer, die anfangs erworbenen grossformatigen Gemälde der Münchner Sezession zum Massstab für ihren neu zu errichteten Oberlichtsaal gemacht. In der nun von Daniela Minneboo hochfein kuratierten Ausstellung ‹Raumfahrt› richten sich die eingeladenen Künstler/innen umgekehrt nach den gegebenen Räumen und Interieurs. Das Sammlerpaar hatte Franz von Stuck und Leo Putz bereits nach kurzer Zeit wieder aus der Sammlung genommen und «Stuck» blieb danach nur noch als Bilderrahmen und Raumsaum zurück. Und vor den neu erworbenen Leinwänden von Renoir, Cézanne und Monet blinzeln die Betrachtenden nun in das impressionistische Sonnenlicht.
Bei Chris Hunter (*1983) «malte» Sonnenlicht in das rote Leinen zweier hauseigener Liegestühle. Die herausgenommenen Polster und das entfernte Rahmengestell bleiben als ausgeblichenes Leinwand-Nachbild zurück. Die Liegestühle aus dem Garten werden winters im selben Raum eingelagert. Vor dem Weisseln des verwitterten und wasserfleckigen Kellers hat der Künstler die Wände seriell mit Schablonen abgedeckt, so dass diese nach dem Entfernen ein Wandfresko zurücklassen, das auf Hängeprinzipien aus der Sammlung verweist.
Auch Bettina Diel (*1975) betreibt das schöne Spiel des Naheliegenden. Wie zu Zeiten ballistischer Kriegführung liess sie Steine aus der Limmat zu genormten Geschosskugeln schleifen und überliess diese der Schwerkraft auf dem unebenen Boden des Kellerraums. An der tiefsten Stelle des Raumes finden die zivilen Kugeln in überraschender Liegeordnung wieder zusammen.
Kontextkunst gerät heute zusehends zur Auftragskunst und wird nutzbar für Umgebungs- und Museumsmarketing. Jonas Burkhalter (*1983) unterläuft instinktsicher diese Erwartung, indem er ein Objekt aus einem raumfremdem Kontext mitbringt und das sperrige Objekt in die Ecke des zu niedrigen Kellers zwingt. So nimmt sein situativer Pragmatismus eine Form an, die ähnlich schon einmal im Museum Langmatt praktiziert wurde: Wegen dringend gewordener Sanierung der Depoträume fanden alle Kunstwerke in den schönen Ausstellungsräumen ein «Zwischenlager«.

Bis: 24.09.2017



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Ausgabe 9  2017
Ausstellungen Raumfahrt – Wieder hungrig? [18.06.17-24.09.17]
Institutionen Museum Langmatt [Baden/Schweiz]
Autor/in Fritz Balthaus
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