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9.2017




Wittenberg, Berlin, Kassel : Reformation


von: Miriam Wiesel

  
links: Jia · The Chinese Version, 2016 ©ProLitteris. Foto: Daniel Biskup
rechts: Christian Jankowski · Casting Jesus, 2011, Zwei-Kanal-Video, Courtesy Lisson Gallery, London


Die 95 Thesen, die Luther 1517 an die Schlosskirche in Wittenberg schlug, markieren den Beginn der Reformation. Die Zeit Luthers, der die Bibel übersetzt hat, war auch die Zeit, «als unser Deutsch erfunden wurde», wie einer der aktuellen Luther-Interpreten schreibt. Nun also werden 500 Jahre Runderneuerung von Kirche und Glauben mit einer «Weltausstellung Reformation» gefeiert. In Wittenberg dabei der vom Basler Architektenduo Christ & Gantenbein entworfene Schweizer Pavillon, der mit der Ausstellung ‹Prophezey - die Schweizer Reformation› «einen kulturhistorischen und keinen konfessionellen oder kirchlichen Ansatz gewählt» hat, wie es vonseiten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds SEK heisst. Ein «informatives, atmosphärisches und ästhetisches Erlebnis» - Zürcher Bibel und Froschauers Druckerpresse inklusive - werde geboten, «das auch eine niederschwellige Form von Spiritualität ermöglicht». Anders die u.a. von der Evangelischen Kirche Deutschlands geförderte Ausstellung ‹Luther und die Avantgarde›, die von einem internationalen Kuratorenteam verantwortet wird: 66 Künstlerinnen und Künstler bespielen das Alte Gefängnis in Wittenberg, das aus diesem Anlass erstmals zu einem Kunstort wird. Mit dabei Grössen wie Ai Weiwei, der seine Gefangenschaft als skulpturalen Hohlraum seines eigenen Körpers thematisiert, Jörg Herold mit den in die Zellenwand geritzten «99 schönen Namen Allahs», Marza Migliora, die mit einem Tresorraum hinter Gittern an die «Ersatzreligion» Kapital gemahnt, oder Christian Jankowski mit seinem Video ‹Casting Jesus› - Brot brechen, Kreuz tragen, Zwiesprache mit Gott halten..., wie drückt man das schauspielerisch überzeugend aus? Gilbert & George zeigen ihre Arbeit ‹Scapegoating›, grossformatige Sündenbock-Bilder, in der St. Matthäus-Kirche in Berlin, und in der Kasseler Karlskirche hängt parallel zur documenta ein aus Mikrofonen zusammengesetzter Bienenschwarm der indischen Künstlerin Shilpa Gupta, aus der ein babylonisches Stimmengewirr ertönt. So altbacken der Titel auch klingt: ‹Luther und die Avantgarde›, er steht für eine offene Beziehung, die durch Reibung gefestigt wird und dazu inspiriert, aktuell über Glaube, Sprache, Freiheit, Widerstand und das Eintreten für die eigenen Überzeugungen nachzudenken. Protest(antismus) als hohes Gut.

Bis: 17.09.2017



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Ausgabe 9  2017
Ausstellungen Luther und die Avantgarde [19.06.17-17.09.17]
Ausstellungen Luther und die Avantgarde [19.05.17-01.11.17]
Institutionen St. Matthäus-Kirche [Berlin/Deutschland]
Institutionen Altes Gefängnis Wittenberg [Ort unbestimmt/Land unbestimmt]
Autor/in Miriam Wiesel
Link http://r2017.org/weltausstellung
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