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Fokus
1/2.2003


 Jun Yang, geboren 1975 in China, kam mit seiner Familie 1979 nach Wien. Seine Installationen umkreisen Fragen der Identität, der Assimilation und des Fremdseins.


Look like them, talk like them

Interview mit Jun Yang
von: Sabine B. Vogel

  
links: Jun Yang, Foto: Sabine B. Vogel
rechts: how to do that? – chopsticks, 2001, Ausstellungsansicht De Appel Amsterdam, Neonleuchten


Die Eltern von Jun Yang eröffneten nach ihrer Übersiedlung in den Westen ein Chinarestaurant. «Was konnten sie machen?», fragt er lakonisch in seiner eindringlichen Installation «Daily Structure of Life. Coming Home», in welcher er von seiner Kindheit in Wien erzählt, davon, dass seine Familie sich «chinesischer als die Chinesen» verhielten, und von den kleinen, aber wesentlichen Unterschieden zum Alltag seiner westlichen Freunde. Ausser wenigen, sekundenkurzen Szenen aus Hollywoodfilmen, die in Chinarestaurants spielen, bleibt der Bildschirm schwarz – eine perfekte Methode, um die eigenen Bilder im Kopf hinzuzufügen.

Welche Bilder prägen meine Vorstellung von China, meine kulturelle Identität? Um diese Fragen kreisen Jun Yangs Werke wie die fünfzehnteilige Wandar-beit «Safety Cards»: Im Stil von Instruktionskarten zur Flugsicherheit stellt Yang östliche und westliche Begrüssungszeremonien nebeneinander. Drei grosse Leuchtkästen geben Instruktionen zur Handhabung von Essstäbchen. Zur Manifesta 5 in Frankfurt am Main zeigte er die Videoinstallation «Miss June Young»: Durch die Aussprache entstehende Missverständnisse seines Namens kombiniert mit der Recherche seines Namens in China.
In seinen neueren Werken entfernt sich Yang von der Methode, Autobiografisches mit kulturellen Stereotypen zu kombinieren. In einer Miniaturlandschaft steht ein Flachbildschirm, auf dem ein permanentes Feuerwerk läuft. In der Stockholmer Galerie «Index» zeigte er erstmals seine neuen Wandarbeiten: Ein einzelnes Bildelement, eine mit Klebeband als Linie angedeutete Landschaft und ein kurzer Text. «Escortservice» zeigt Flugzeuge und einen kurzen Dialog, der sich auf das Erlebnis des indischen Filmstars Kamal Hassan bezieht: Auf ihrem Weg nach New York wurde die Maschine, in welcher sie sass, von Militärmaschinen auf den Boden eskortiert – und Hassan als verdächtiges Subjekt verhört. Im neuesten Video «Camouflage. Look like them. Talk like them» wechselt Yang zwischen Zeitungsartikeln und der Geschichte einer Person namens «X», um über legales und illegales Fremdsein zu reden.

Sabine B. Vogel: Deine Werke werden unter dem Stichwort «kulturelle Identität» diskutiert – hast du dich mit dieser Thematik von deinen ersten Arbeiten an beschäftigt?

Jan Yang: Zunächst entstanden Zeitungsarbeiten, in denen ich Fotografien aus Tageszeitungen nachgebaut und fotografiert habe. Daran schliesst dann die Passfoto-Serie an. Die entstand anfangs allerdings weniger aus Überlegungen zu «cultural identity» als aus Strukturfragen. Die Kulturfrage kam zusätzlich dazu durch meinen Job im UNO-Center.

Die UNO ist wie ein Flughafen, ein globaler Pseudoort, wo sich alle Kulturen und Länder gegenseitig respektieren müssen und als Folge alle Kanten und Schärfen der Unterschiede eingeschliffen sind. Dazu gehört auch die Kleiderordnung: Dort darf die eigene Nationaltracht getragen werden – oder ein Anzug. Ich habe mich dort gefragt, was meine eigene repräsentative nationale Kluft wäre. Der Anzug existiert dort nicht in einem geschichtlichen Kontext, sondern als reines Bild, als universales, emotionsloses Kleidungsstück, dem die nationale Kleidung als Schutz gegenübersteht. Es gab Situationen, in denen der japanische Botschafter mit einem Sekretär aus Kenia sprach, beide in perfekten Anzügen – woraus die Frage entstand, inwieweit die einheitliche Kleidung, beziehungsweise die umgekehrte Forderung, jeder müsse etwas Eigenes tragen, ein Klischee ist. Ich habe dort auch Anzüge getragen und kurz vor Arbeitsschluss habe ich mir auf der Toilette das Superman-Kostüm untergezogen für diese Fotoserie in den Passbild-Automaten im Winter 1997/98.

SBV: Warum Superman?

JY: Es sind zwei Serien auf der Suche nach dem perfekten Bild. Die Serie vor den Passfotos besteht aus achtzig Bildern, wo ich den perfekten Superman darstellen wollte. Es ist der Versuch, einem Bild gerecht zu werden, in die Struktur hineinzupassen, ein Bild und gleichzeitig die Person Superman als westlicher, amerikanischer Held mit all den Attributen zu verinnerlichen. Dazu gehört natürlich auch der Doppelcharakter, der tolpatschige Clark Cent auf dem Weg der Perfektion.

Im ersten Moment ging es in dieser Serie um Fragen performativ-fotografischer Momente, die dann zu Fragen der Assimilation führten, inwieweit sich Kulturen anpassen, andere übernehmen oder sich abgrenzen sollten. So entstand anschliessend auch das gleichnamige Video.

SBV: Du sprachst eben vom «perfekten Bild» und von «Strukturfragen» – was ist damit gemeint?

JY: Mir war aufgefallen, dass in der Kunst viel Fotografie existiert, die aber nicht über Fotografie spricht, sondern über performative Momente. Das fand ich immer etwas schade, weil es ein archivierendes Moment von Fotos gibt, aber alles was übrig bleibt ist ein Bild, zu dem man sich den tatsächlichen Vorgang imaginieren muss. Man sieht beispielsweise ein Auto, das eine wichtige Rolle im Geschehen spielte und jetzt kaputt ist, oder die Kleidungsstücke, die der oder die Performer getragen haben. Das irritierte mich, das schien mir eine Objektverehrung. Mich interessierte mehr die Aktion. Es war die Frage, wo der perfekte Moment ist, den ich aussuche, wo ist das perfekte Bild. So habe ich die Fotos anfangs nachgebaut und dann umgekehrt im Automaten entstehen lassen, wo ich kaum Kontrolle über die Bildqualität habe.

SBV: Welchen Stellenwert nehmen in deiner Suche nach einem «perfekten Bild» Details ein wie Essstäbchen, die Decke eines Chinarestaurants, Lampion-Lampen, Feuerwerk? Sind das Elemente des Chinesischen in deinem Leben oder westliche Klischees des Chinesischen?

JY: Wenn ich über China spreche, meine ich über ein Chemie- oder Physikexperiment zu sprechen. Über irgendein Szenario, das stattfindet, dem wir als Beobachter zuschauen, das wirklich passiert. Und gleichzeitig in meinen Arbeiten existiert. Inwieweit diese zwei Modelle miteinander verbunden sind oder sich entsprechen, ist eine andere Frage. Ich versuche nicht, das Modell «China» zu reproduzieren oder repräsentieren. «China» ist geschichtlich eine Idee des Exotischen, des Fernen, des nicht Greifbaren und gleichzeitig ist es ein Fünftel der Weltbevölkerung. Jeder hat Bilder von «China» im Kopf – es ist gleichzeitig existent und nicht-existent, weil die meisten nie dort gewesen sind oder dort sein werden. Die Bilder manifestieren sich hier, vor Ort.

In der Videoinstallation «Coming Home» spreche ich über eine chinesische Ästhetik. Natürlich kann ich auch über das Bild einer österreichischen Ästhetik sprechen, aber rein aus der Masse heraus ist das nicht so leicht zu verstehen, nicht so omnipräsent. Ausserdem erhalte ich als Bild, als chinesisch aussehender Mensch, eine Glaubwürdigkeit. Meine Werke hinterfragen immer auch die Glaubhaftigkeit dieser Bilder – inwieweit unser Bild von Chinarestaurants nicht nur als Bild existiert. «China» ist ein Modell, um mit meinen Möglichkeiten zu fragen, inwieweit Klischees authentisch oder produziert sind und aus welchen Mechanismen diese Bilder entstehen. In «Coming Home» spreche ich darüber, welcher Kontext welche Bilder kreiert und wie diese Bilder auch für mich ein Trugschluss sind.

SBV: Du greifst Klischees auf, beurteilst sie aber nicht – warum?

JY: Zunächst einmal arbeite ich mit «Klischees», weil damit komplexe Strukturen vereinfacht werden können. Aber ich will diese nicht beurteilen. Mich interessiert viel mehr, wie sie entstehen, inwieweit ich selbst darin lebe, inwieweit China selber diesen Klischees nachläuft.

SBV: In «Firework» läuft auf dem Flachbildschirm inmitten einer kleinen Styropor-Landschaft ein permanentes Feuerwerk – interessiert dich an diesem Ereignis der Aspekt der «Zeremonie»?

JY: Wenn in China ein Fest stattfindet, gehört ein Feuerwerk unbedingt dazu. Fest gleich Feuerwerk. Diese Landschaft zeigt ein kleines Dorf irgendwo in China, mit einem Feuerwerk, welches das ganze Jahr sprüht – die Leute gehen raus und haben permanent ein Fest. Wenn ich in Österreich über Landstrassen fahre, sehe ich diese riesigen Werbetafeln in den Feldern. Versprechen von tropischen Landschaften und dazu die grosse Diskrepanz zur Wirklichkeit – der flat screen steht wie solch eine Werbetafel in der Landschaft. In dieser Arbeit geht es darum, dass das Feuerwerk zum reinen Bild eines Festes wird. Eines Festes, das man das ganze Jahr über feiern könnte, wenn die Zeremonien von Anlässen losgelöst würden. Es ist der erste Teil einer Trilogie von Landschaften, die ich baue. Meine Frage ist dabei, wie wird ein Bild gezeigt, welche Funktion hat es, als Landschaft, als Projektion mit Dokumentarcharakter oder eher wie in «Coming Home», wo es in einer kleineren Struktur existiert.

Die zweite Landschaft «Qi Lai! Qi Lai! Qi Lai! (Arise! Arise! Arise!)» enthält eine Modellbahn, eine Nachbildung der Stadt, in der ich geboren bin. Zwischen den Häusern stehen Megaphon-Maste, aus denen Sound schallt. Ich bin mal durch Deutschland im Zug gefahren und wir sprachen über die Landschaft. Hätten meine Eltern gesagt, ich bin hier geboren, würde ich es glauben. Ich könnte in China einen Landschaftsfilm drehen und es sähe genauso aus wie im Wienerwald oder im Mühlviertel. Auf welche Landschaftsstrukturen konzentriert man sich und wie werden die als Bilder verfestigt. Das perfekte Bild eines Dorfes – das wird in der gebauten Landschaft nicht direkt sichtbar, aber in dem Text aus den Megaphonen besprochen. Die dritte Arbeit wird eine kleinere Landschaft. Vor den Häusern wird ein Hochhaus stehen, einfach hingestellt und der schöne Blick ist weg? ohne Sound, aber das entwickle ich noch.

SBV: In deinen Werken steht oft deine persönliche Biografie im Mittelpunkt. Nutzt du die als Fallbeispiel für gesellschaftliche Themen?

JY: Ja, aber es ist ja nie wirklich meine Geschichte, die ich erzähle. Es sind Details, über die ich bestimmte Verbindungen herstelle. Meine Biografie wird zu einer Fiktion. Ich existiere als Person immer in Konfrontation mit einer gesellschaftlichen Form – ich komme als Kind nach Österreich und bin anderes Essbesteck gewöhnt – und erhalte dadurch die Rolle des Clark Cent, der immer alles falsch macht, immer out of place ist. Umgekehrt: Wenn wir zwei nach China führen, würdest du alle diese kulturellen Fauxpas begehen.

SBV: Du hast mit deinem Bruder ein chinesisches Restaurant in Wien entworfen und eröffnet. Ist das «Ra Mien» Teil deiner künstlerischen Arbeit?

JY: Das Lokal fungiert als etwas Eigenständiges, nicht als Zusatz oder Merchandise zu meinem künstlerischen Werk. Es soll sich nicht in der Kunstszene, sondern im Restaurant-Feld behaupten.

Wir wollten etwas verändern beziehungsweise initiieren. Ein Lokal ist schlechthin ein meeting und melting point. Durch ein Lokal kann man rein urbanistisch relativ einfach etwas bewegen. Aber natürlich finden sich auch Fragen, um die meine Arbeiten kreisen, Raum- und Installationsaspekte, funktionale Objekte wie die Trolleys von Austrian Airlines, die als Schränke fungieren. Im Keller des Restaurants ist ein ganzes Lokal wiedereingebaut. Das Interieur stammt von einem «gewöhnlichen» China-Restaurant aus Berlin-Mitte. Es schaut aus, als ob es schon immer hier war und daran wird die Modellhaftigkeit dieser Ästhetik chinesischer Einrichtungen deutlich. Das erinnert mich an Kirchen, die abgebaut und dann um einige Hundert Meter verschoben wieder aufgebaut werden, oder hier abgebaut und auf den Bergen in Japan wieder zusammengesetzt werden.

SBV: In deinem neuen Video «Camouflage» thematisierst du die Situation von illegalen und legalen Fremden. Entstand diese Arbeit durch deine Erfahrungen während deines Aufenthalts in New York?

JY: Nur teilweise, denn die Zeitungsartikel, die ich im Video zitiere, sammle ich schon seit langem. Auch die Konversation mit der Person «X» ist teilweise älter. Meine Einladung nach New York war eher ein zusätzlicher Grund, das Video fertig zu produzieren. Was hier in den USA passiert und sich natürlich auch in Europa zeigt, ist ein verstärkter Grund, über diese Themen im Video zu sprechen. Daraus resultierten auch die Wandarbeiten wie «Escortservice», die wiederum auf Zeitungsartikeln basieren.


Zur Zeit ist Jun Yang mit einer Einzelausstellung im Raum Aktueller Kunst Martin Janda, Wien, zu Gast (bis 15.3.).



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Ausgabe 1/2  2003
Institutionen Martin Janda [Wien/Österreich]
Autor/in Sabine B. Vogel
Künstler/in Jun Yang
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