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Artists in Residence
11.2010


 Sook Jin Jo (*1960 Gwangju, Korea, lebt seit 1988 in New York) hielt sich im ersten Halbjahr 2010 im Gastatelier der iaab in Riehen auf. Das Internationale Atelier- und Austauschprogramm Region Basel bietet seit 1986 Künstler/innen aus der Region Basel, der Region Solothurn und Südbaden die Möglichkeit zu einem mehrmonatigen Werkaufenthalt in einem von zehn Partnerländern. Im Gegenzug werden Kunstschaffende in die sieben iaab-Ateliers der Region Basel eingeladen. Anlässlich ihrer Einzelausstellung in der Galerie John Schmid stellt das Kunstbulletin Sook Jin Jo in der Rubrik Gastlabor vor.


Sook Jin Jo - In der sauberen Schweiz wirken meine Arbeiten expressiver


  
Sook Jin So in ihrer Ausstellung in der Galerie John Schmid, Basel - ein Folgeprojekt ihres Gastaufenthalts in den Ateliers der iaab Riehen, 2010. Foto: Cat Tuong Nguyen


Baur: Wie kommst du als koreanische Künstlerin, die seit Jahren in New York lebt, in die Schweiz nach Basel?
Jo: Ich beteiligte mich 2006 am «Fluid Artcanal International», einem internationalen Kooperationsprojekt in Le Landron. Die zwei Wochen in der Schweiz waren mir zu kurz und ich sagte mir, du musst länger in einem Land leben, um die Mentalität seiner Bewohner zu verstehen.
Baur: In Le Landeron zeigtest du einen Tisch, der mit den Beinen nach oben auf dem Wasser schwamm. Die Arbeit heisst «Walk on Water» und ist für den Ort entstanden. Die Umgebung scheint für deine Arbeit wichtig zu sein.
Jo: Ich kam unvorbereitet aus New York und liess mich von der spezifischen Situation inspirieren, etwa den Pfahlbauersiedlungen im Bielersee. Es lag nahe, ein Objekt auf dem Kanal - der den Bieler- mit dem Neuenburgersee verbindet - zu realisieren: ein Tisch, der auch als Floss funktioniert. Zudem kam dies auch meinem Interesse an Architektur und kulturellen Ursprüngen entgegen.
Baur: Du warst damals nicht in Basel. Wie hast du vom Austauschprogramm von iaab erfahren?
Jo: Das ist eine absurde Geschichte. Ich erhielt eine Mail vom «Galapagos Art Space». Zuerst dachte ich an einen Kunstraum auf den Gala-pagos-Inseln, später erfuhr ich, dass dies der Name eines Ateliers der iaab in Williamsburg ist. Darin erfuhr ich von den Ateliers und bewarb mich umgehend für einen Aufenthalt in Basel.
Baur: Du kamst mit deinen New Yorker Erfahrungen nach Riehen, in ein Dorf. War dies ein Kulturschock?
Jo: Keineswegs. Natürlich war es hier im Vergleich zu New York unheimlich still. Auch war hier alles extrem sauber. Ich meine damit nicht einmal die Strassen oder Parks, sondern vor allem die Hausfassaden. In Riehen findest du zahlreiche weisse Hausfassaden. So etwas wäre in New York undenkbar. Natürlich ist zu Hause mein Atelier weiss, doch hier war es so, als ob das Innere nach Aussen gekehrt würde. Die ländliche Atmosphäre erleichterte mir, über meine Kunst vertieft nachzudenken. Das hat sich auch auf mein Sehen und meine Arbeit ausgewirkt, sie wirkt hier viel dichter und expressiver als in New York.
Baur: Hast du aktives Networking betrieben? Wie ist die Basler Kunstszene auf dich aufmerksam geworden?
Jo: Nein. Natürlich realisierte ich, dass ich in meinem Atelier allein am Arbeiten war und dass ich den Menschen einen Anlass zum Besuch geben muss. In New York bin ich trotz der Grösse der Stadt auf mein Viertel beschränkt und treffe oft Menschen, die ich kenne. So wohnt beispielsweise der Kunstkritiker Donald Kuspit einige Strassen entfernt, und wir sehen uns beim Einkaufen oder im Restaurant. Hier war alles neu. Ich erkundete also als Erstes die nähere Umgebung, die Stadt und die Auenlandschaft am nahegelegenen Fluss. Von dort brachte ich das Schwemmholz, mit dem ich vor meinem Atelier eine grosse Installation baute, die dich an ein Iglu von Mario Merz erinnerte. Auch setzte ich installative Akzente im Innenhof, und diese beiden Arbeiten wirkten wie ein Wegweiser, der den Leuten sagte: Hier gibt es was zu sehen.
Baur: Wie wurdest du von den Verantwortlichen von iaab betreut?
Jo: Anfang Februar fand ein Willkommens-Apéro für alle neuen Austausch-Künstler im «dock:» an der Klybeckstrasse statt. Ende Mai gab es während drei Tagen die «open studios», da kamen nicht nur zahlreiche Künstler, sondern auch Kritiker und Kuratoren. Doch ich konnte auch auf die Hilfe von Einzelpersonen zählen, so half mir die Verantwortliche von iaab beim Transport der gefundenen Äste und Hölzer, und auch die Gemeinde Riehen unterstützte mich in meinen Ideen. Selbst Sam Keller von der Fondation Beyeler liess mich gewähren, als ich meine Installation im Vorhof immer wieder vergrösserte. Dadurch ist vieles ins Rollen gekommen. «dock:» lud mich zu einer Präsentation ein, wo sich neue Kontakte einstellten. Katrin Grögel machte mich mit Thomas Heimann vom Ausstellungsraum Klingental bekannt, Sibylle Ryser zeigte mir die Kehrichtverbrennung und die Brockenhäuser, wo ich Materialien für meine Arbeiten fand.
Baur: Du konntest deine Werke sogar ausstellen.
Jo: Im Ausstellungsraum Klingental planten sie eine Performance mit «kold». Ich kannte Tomek Kolczynski nicht, lernte ihn aber zufälligerweise auf einer Autofahrt ins Museum nach Bregenz kennen. Aus dem Abfallholz, das im Hof herumlag, baute ich einen Steg, der durch den ganzen Raum führte. Dann wurde ich von der palästinensischen Kuratorin Samar Martha, «Curator-in-Residence» im Gästeatelier Krone in Aarau, zu einer Präsentation im «Forum Schlossplatz» in Aarau eingeladen und kam im Kloster Schönthal bei Langenbruck mit John Schmid ins Gespräch, der mir nun eine Einzelausstellung einrichtete. Darüber hinaus interessiert sich eine weitere Galerie in Basel für meine Arbeiten. Zur Eröffnung der Ausstellung kann ich in einem Atelier der iaab im Basler St. Alban-Tal, drei Minuten von der Galerie John Schmid entfernt, wohnen. Mein Aufenthalt in Basel hat vieles ausgelöst.

Bis: 29.01.2011


Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Übersetzungsförderung «Moving Words».

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Ausgabe 11  2010
Ausstellungen Sook Jin Jo [23.09.10-29.01.11]
Institutionen John Schmid [Basel/Schweiz]
Autor/in Simon Baur
Link http://www.iaab.ch
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