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Besprechung
11.2013


Sonja Gasser :  Das Hotelzimmer bietet Reisenden einen Rückzugsort und zugleich ein wenig Privatsphäre in fremder Umgebung: Im Kunstmuseum Thun lassen Kunstschaffende die Vergangenheit des ehemaligen Grand Hotels Thunerhof - zumindest vorübergehend - wieder aufleben.


Thun : Chambres de luxe - Willkommen im Künstlerhotel


  
links: Chantal Michel · Der stille Gast, 2006, C-Print auf Dibond hinter Plexiglas aufgezogen, 150x120 cm
rechts: Monica Studer/Christoph van den Berg · www.vuedesalpes.com, seit 2011, Still


Fremde, menschenleere, aber komplett ausgestattete Räume regen unmittelbar die Fantasie an. Ein grosser schwedischer Möbelhersteller nutzt dieses Prinzip erfolgreich als verkaufsförderndes Instrument: Schaubühnen möglicher Lebensrealitäten lösen Gedankengänge darüber aus, welchen Nutzen ein Gegenstand im eigenen Umfeld bringen könnte. Wenn Künstler/innen vergleichbare Settings schaffen, dann setzen sie auf die Narrativität, die solche Installationen potentiell enthalten.
Ein Zimmer aus dem digitalen Kunstprojekt ‹Hotel Vue des Alpes› von Monica Studer und Christoph van den Berg wurde als Ausstellungsarchitektur nachgebaut. Darin lässt sich auf dem Fernsehbildschirm eine Kamerafahrt durch die Hotelsimulation verfolgen. Dies bringt zahlreiche Verstrickungen zwischen realer Umgebung und virtueller Welt mit sich. Noch stärker entführt Chantal Michel in ihre eigenen Sphären und schafft Räume mit stimmigem Ambiente: Ein luxuriöses Doppelzimmer mit direkt angeschlossenem Wohnzimmer dient als Präsentationsort für ihre Fotografien und wird gleichzeitig zur Realkulisse. Die Künstlerin tritt gelegentlich auch als Gastgeberin auf - so aktuell in der Villa Gerber - und bietet Übernachtungen an. Dahinter steckt kein primär kommerzielles Interesse. Vielmehr geht es darum, bestimmte soziale Gegebenheiten im Rahmen der Kunst zu untersuchen. Das gilt auch, wenn Sabina Lang und Daniel Baumann ein Hotelzimmer auf Wanderschaft schicken und damit Übernachtungsgelegenheiten an Orten schaffen, wo es vorher keine gab. Oder Christoph Wachter und Mathias Jud, die mit ihrem dezentral organisierten ‹Hotel Gelem› Aufenthalte in westeuropäischen Roma-Siedlungen ermöglichen und damit ein neues soziales Milieu für Hotelgäste erschliessen.
Mittels Dokumentationen, Kunstwerken an der Wand oder betretbaren Installationen vereinigt die Ausstellung vielfältige und sehenswerte Arbeiten, in denen die Ausstattung eines Hotelzimmers thematisiert wird , Kunstschaffende in die Rolle von Hoteliers oder Gästen schlüpfen oder auch den Fokus auf das Hotelpersonal richten. Sogar an Fluchtpläne wurde gedacht, die ja ebenfalls zur standardisierten Ausstattung gehören, Jules Spinatsch hat sie in seiner Fotoserie festhalten. So eröffnet der Gang von Raum zu Raum im Museum, im Unterschied zum Möbelhaus, zahlreiche Zugänge zu weitreichenden sozialen und kulturellen Themen.

Bis: 24.11.2013



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Ausgabe 11  2013
Ausstellungen Chambres de luxe [21.09.13-24.11.13]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in Sonja Gasser
Künstler/in Chantal Michel
Künstler/in Monica Studer/Christoph van den Berg
Künstler/in Lang/Baumann
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