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Besprechung
4.2014


Sonja Gasser :  Von der Wohnlichkeit der Räume im Kunsthaus Langenthal ist im Moment wenig zu spüren. Leichtes Unbehagen begleitet die von Eveline Suter kuratierte Schau von Muriel Baumgartner. Vergänglichkeit ist ein zentrales Thema der gezeigten Werke. Und Bewegung gleicht eher einem Verharren im Stillstand.


Langenthal : Muriel Baumgartner - Eingriffe in Raum und Zeit


  
Muriel Baumgartner · Wandel/Raben, 2012, 7 Raben, 7 Uhren in Tangram zerlegt; in der Mitte: Daniel Robert Hunziker · Zutritt, 2010, fest installierter Spiegel


Manchmal steht der Umsetzung einer künstlerischen Idee die Schnelllebigkeit der globalisierten Welt entgegen. Unerwartet sah sich Muriel Baumgartner (*1976, Winterthur) bei den Vorbereitungen für die Ausstellung mit den Gesetzmäs-sigkeiten der Massenproduktion konfrontiert. So erzählt sie: «Eine schwarze quadratische Wanduhr hatte ich in die Teile des chinesischen Legespiels Tangram zersägt und in der Form eines Rabens neu zusammengesetzt. Insgesamt sollten es sieben Varianten des Vogels werden. Doch die Uhr war im Handel bereits nicht mehr erhältlich.» Ein bedauerlicher Umstand, denn es ist charakteristisch für ihr Schaffen, dass Vorgefundenes eine präzise Transformation durchläuft. So wird hier die eigentliche Funktion des Gegenstandes, die Zeitanzeige, obsolet. Gleichzeitig erscheint der Rabe als mythenträchtiges Motiv, als Märchengestalt (Die sieben Raben) oder Todesbote.
Vergänglichkeit ist immer wieder ein Thema. Gespannte Fäden halten gestrickte Kleidungsstücke windschief an den Wäscheleinen und lösen gleichzeitig Masche um Masche langsam auf. Welkende Topfpflanzen in grellem Neonlicht haben schon bessere Zeiten gesehen. Vielleicht fehlt das Sonnenlicht, das die Künstlerin mit Steinwolle vor den Fenstern aus den Räumen verbannt hat - zugunsten einer störungsfreien Werkbetrachtung. Diesbezüglich erweist sich der Titel ‹Hinterzimmer der Behaglichkeit› als äusserst zwiespältig. Die klaustrophobischen Räume und die Werke sorgen für ein latentes Gefühl von Beklemmung. Ein unbenutzbares Sofa entbehrt jeglicher Gastlichkeit. Drei Bilderrahmen erlauben überraschende Einblicke hinter die Wand auf die sonst verborgene Vorgeschichte des Gebäudes. Die intensive Auseinandersetzung mit Orten führt zuweilen zur Aneignung ungewöhnlicher Räume. So irritiert eine ursprünglich für das Helmhaus Zürich geschaffene Videoarbeit durch die Unterwasseraufnahme einer Wäscheleine in der Limmat.
Bekanntes erscheint in ungewohnten Zuständen und Zusammenhängen. Im neuen Kontext entwickeln die Dinge ein Eigenleben. Klare Formen täuschen leicht darüber hinweg, dass hinter den Werken aufwändige Arbeit steckt. Und mit Ausdauer hat sich Baumgartner diesmal dem Wettlauf der Ökonomie widersetzt: Eigens für sie hat der Produzent in China die Wanduhr in Kleinauflage nochmals hergestellt. Die sieben Raben sind ausgeschwärmt und über das ganze Treppenhaus verteilt - als stumme Zeugen für das Schaffen einer Künstlerin, das Beachtung verdient.

Bis: 13.04.2014



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Ausgabe 4  2014
Ausstellungen Muriel Baumgartner, Bertold Stallmach [13.02.14-13.04.14]
Institutionen Kunsthaus Langenthal [Langenthal/Schweiz]
Autor/in Sonja Gasser
Künstler/in Muriel Baumgartner
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