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Die zweite Diriyah Biennale in Saudi-Arabien

Riad — Eine Kunstbiennale in einem Land wie Saudi-Arabien ist notgedrungen in so mancher Beziehung eine nicht ganz unproblematische Angelegenheit, politisch, ökologisch, sozial. Aber Ute Meta Bauer und ihre Co-Kuratorinnen haben im JAX, dem neuen «Creative District» von Riad, einen Parcours von berückender Schönheit eingerichtet. Die mehr als hundert Werke der Ausstellung haben ausreichend Platz und sind ohne Ausnahme präzise und mit einer Sorgfalt inszeniert, die von der Beleuchtung bis zur Vermittlung reicht. Besser kann man es nicht machen. Auch die Dramaturgie der Ausstellung ist fein durchdacht, auf helle Räume mit viel Tageslicht folgen dunkle Säle, visuell starke Werke alternieren mit solchen, die komplexe Inhalte transportieren, klassische Kunstmedien wechseln sich mit neuesten Technologien ab. Das macht Lust, sich auf alles einzulassen, einzutauchen, Stunden in den sechs Hallen zu verbringen. Ob es aber in Riad auch ein Publikum gibt, das sich zu solchen Erfahrungen verführen lässt?

Das Leitmotiv der Ausstellung spricht nicht das Auge an, sondern die Nase – und es passt zum Titel der Biennale: After Rain. Die norwegische Künstlerin Sissel Tolaas hat im Auftrag der Kuratorinnen ein Parfum kreiert, das an Petrichor erinnert. So nennt die Wissenschaft jene Düfte, die vor allem in trockenen Gegenden nach einem kurzen Regenguss aus der Erde aufsteigen. Sehr natürlich wirkt der norwegische Boden-Odem nicht, der überall auf dem Gelände versprüht wird, je nach Stimmung mag man ihn auch als ziemlich eklig empfinden. Aber der Trick funktioniert, denn auf Schritt und Tritt wird man an das Thema der Ausstellung erinnert, weiss man intuitiv, wo man ist (ähnlich wie in manch besseren Boutiquen oder Hotels, wo solch olfaktorische Strategien schon lange zur Anwendung kommen). «Nach dem Regen» ist eine Metapher für das, was die Kuratorinnen gegenwärtig in Saudi-Arabien wittern: frische Luft, eine erspriessliche Atmosphäre wie nach einem kurzen Niederschlag in der Wüste.

Die Schau bietet Momente von atemberaubender Schönheit. Zum Beispiel die fünf überdimensionierten Wasserbehälter aus angegilbtem Plastik von Alia Farid, die wie kostbare Leuchten im Dunkeln stehen. Und sie bietet überraschende Einsichten, etwa in das Werk des Botanikers William Ballée, der nachweisen konnte, dass grosse Teile des Amazonaswaldes, für uns der Inbegriff einer unberührten Natur, tatsächlich das Ergebnis einer jahrhundertealten Bewirtschaftung durch die indigene Bevölkerung sind.

In einem grosszügigen Kino werden Filme vorgeführt. Hier gibt es unter anderem ‹Forest Mind› von Ursula Biemann zu sehen, eine bildgewaltige Hommage an den Urwald in Kolumbien und die indigenen Schamaninnen, die Taitas, die wissen, wie man (etwa mithilfe der halluzinogenen Droge Ayahuasca) eine Verbindung nicht nur zur Welt der Bäume, sondern auch zur Erde und zum Kosmos schafft.

Man kann viel gegen eine Biennale an einem solchen Ort einwenden. Aber es sind in einem Land wie Saudi-Arabien eben auch Dinge möglich, die andernorts undenkbar wären. Und können wir es uns heute wirklich leisten, auf eine solche Ressource zu verzichten?

Institutionen

Titel Land Ort Details
Diriyah Biennale
Saudi-Arabien
Riyadh
Saudi-Arabien
Riyadh

Autor:innen

Ausstellungen / Events

Titel Datum Typ Ort Land Details
After Rain – 2. Diriyah Biennale 2024 - Grossausstellung/Festival Riyadh Saudi-Arabien
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Grossausstellung/Festival
Riyadh
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