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Thomas Moor zeigt in seiner Ausstellung Value Voyage im Kunstraum Aarau eine Auswahl von Arbeiten der letzten drei Jahre.
Dabei mischen sich einzelne Serien und Bezüge, zusammen formen sie als Puzzleteile ein Gesamtbild, das genau darüber spricht: Über Bilder. Über ihre Herkunft, über ihre Zirkulation und über ihren eigenartigen Wert.

Im Gegenlicht eines Sonnenuntergangs leuchten die schwarzen Konturen einer übergroßen Spinne. Die Malerei ist aus zwei Querformaten zusammengesetzt und bildet ein lang gezogenes Panorama, das an das 16:9 aus Filmen erinnert. Das Bild wirkt wie eine Szene aus einem Horrorfilm. Allerdings handelt es sich bei dem Motiv nicht um ein Filmstill, sondern um ein Stock-Foto des Guggenheim Museums in Bilbao, das eine Skulptur der französisch-US-amerikanischen Künstlerin Louise Bourgeois abbildet, und auf das Thomas Moor als Sujet für seine Arbeit Park Core zurückgegriffen hat. Die dramatische Szene – das Spektakuläre – ist Teil der fotografischen Inszenierung. Dabei ist der Blick auf die Skulptur gefärbt von Hollywood, Freizeitpark Entertainment und Video Games. Kunst als Spektakel.

2021 zeigte Thomas Moor in der Fundaziun Nairs im Unterengadin eine Reihe von Malereien, die er ganz Alberto Giacometti widmete. Die Ausstellung trug den Titel Melancholia at the Guggenheim. Auf dem gleichnamigen und zentralen Bild der Ausstellung ist ein braun-schwarzer Polyeder* Giacomettis zu sehen, der verloren in einem hellen Raum mit gläsernem Flachdach steht. Die geschwungene Linienführung der Raumachsen spricht von zeitgenössischer Architektur. Der Titel weisst auf das von Frank Lloyd Wright entworfene ikonische Gebäude hin, das wir getrost als Tempel der Moderne bezeichnen können. Und in diesem Tempel steht er, der einsame braun-schwarze Polyeder, um täglich von Tourist:innen bestaunt zu werden. Welches Leben lebt ein Kunstwerk, wenn es einmal das Atelier verlassen hat? Wie fühlt sich das möglicherweise an, wenn sich ein Kunstwerk in unzählige Reproduktionen auflöst und als gerahmter Kunstdruck über einer Couch bei einem Stockfoto Shooting platziert wird? (Kiss at Home, 2023) Welche Werte gelten in den neuen Räumen? (Stadtpolizei Regionalwache City Lobby, 2023) Und welche Aufgabe hat da die Kunst? (Happy Place, 2022)

Ein Detail in Thomas Moor’s Ausstellung fällt besonders auf. In jedem der Räume ist an irgendeiner Stelle eine Mozartkugel angebracht, die horizontal an einem metallenen Stab aus der Wand heraussteht. Die Arbeit heisst Das Original, 2024 und bezieht sich auf den Urheber-Rechtsstreit, den die Nachfahren des Mozart-Kugel Erfinders Paul Fürst mit zahlreichen Nachahmern der Praline eingingen. Im Kontext von Value Voyage wird die Kugel zum Augapfel, der Mettallstab zum Sehnerv und die Wand zu einer Art Speicherorgan der Malereigeschichte, das sich möglicherweise noch an den Urheber des Mozartsporträts auf der goldenen Verpackung der „originalen“ Süssigkeit erinnert.

Ein Bearbrick ist eine Sammelspielzeugserie des japanischen Unternehmens Medicom Toy. Sie kam 2001 auf den Markt und hat sich seitdem zu einem begehrten Objekt in der Welt der Designer-Spielzeuge und Popkultur-Sammlerstücke entwickelt. 1929 schafft der niederländische Künstler Piet Mondrian mit “Composition with red, blue and yellow” eine Ikone der klassischen Moderne und der abstrakten Kunst. Am 01.09.2021 wird der „Baerbrick Piet Mondrian“ gelauncht. Knapp hundert Jahre nach “Composition with red, blue and yellow” findet sich also das historische Werk Mondrians als dekoratives Design auf der Haut eines synthetischen Objekts, das keinen anderen Nutzen hat, als Profit zu generieren. Wir alle wissen, dass heutzutage auch Malerei in Auktionen oder auf Messen horrende Preise erzielen kann, die Intention der Künstler:innen ist jedoch meistens kulturell motiviert und nicht rein monetär.
Thomas Moor malt 2023 den Mondrian Baerbrick in der Tradition von Pop-Art übergroß und vier Mal. Als stehende Figur, als frontales Porträt, als Porträt mit leichtem Profil und liegend. Durch den leichten Verlauf im Hintergrund und die betonten Lichteffekte an der Figur lassen sich die Motive leicht als Produktfotografien erkennen. Thomas Moor nennt die Serie Value Voyager und erzählt uns von der seltsamen Reise der Bilder, von (ehemaligen) kunsthistorischen Werten und der Entwertung von Kunst durch die Interessen des Marktes. Der Baerbrick schwebt dabei wie ein Toter im luftleeren Raum und schaut seiner Seele hinterher, die den Planeten schon lange verlassen hat.

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